Alltägliche Erfahrung und wissenschaftliche Erklärung:
Einführung in die Wissenschaftstheorie
I. Teil:
Spüren, Wahrnehmen und Wissen: Die alltägliche Situation des Erkennens
1. Vorlesung: Warum allein das alltägliche Leben und alltägliche Erfahrungen der Erkenntnis und den Wissenschaften ihren Sinn und Zweck verleiht
In diesem ersten Teil will ich Sie zu dem Thema, Gegenstand und der Fragestellung dieser Vorlesungsreihe hinführen und Ihnen einen Überblick über das geben, was Sie in den nächsten 14 Vorlesungen erwartet. Was ich aber nicht tun werde, kann ich Ihnen gleich zu Anfang sagen: Diese Vorlesung wird, trotz etlicher historischer Anknüpfungen, keinen Überblick über die verschiedenen Richtungen der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie geben, die in der Geschichte der Philosophie und Wissenschaft vertreten worden sind. Diese schwer eingrenzbare, auf jeden Fall unüberschaubare Geschichte ist bereits von anderen, wenn auch immer nur unvollständig erzählt worden. Ich verweise nur auf Ernst Cassirers epochales, auch heute immer noch in Detail wie im philosophischem Blick konkurrenzloses vierbändiges Werk “Die Geschichte des Erkenntnisproblem in der Philosophie der neueren Zeit”, dessen erster Band 1910 erschien.
Einerseits werde ich nicht das hohe Lied vom Fortschritt und alles allein erkennenden Leistung der Wissenschaften, der Naturwissenschaften insbesondere oder der Philosophie anstimmen; andereseits werde ich mich aber auch nicht an dem inzwischen modischen Lamento beteiligen und alle Wissenschaft und Rationalität verdammen. Denn wir dürfen nicht vergessen, daß fast sieben Milliarden Menschen heute - mehr oder weniger - von der Naturwissenschaft und Technik leben, und daß nichts dafür spricht, daß sich das ändern läßt. Daß ist aber auch kein Freibrief für eine Abkapselung, gar kriterien- und reflexionslose Entwicklung des wissenschaftlichen, insbesondere naturwissenschaftlichen Wissens und deren Anwendung. Die Frage nach der Autorität und dem Anspruch wissenschaftlichen Wissens lautet deshalb: Was können wir wissenschaftlich wissen und wie verhält sich dieses Wissen zu anderen Formen des Wissens? Dies ist eine Frage, die nicht dadurch schon entschieden ist, wenn wir zugeben, daß für viele Gegenstandsbereiche - wie z.B. Physik der Elementarteilchen und Molekulargenetik - allein die Naturwissenschaften kompetente Antworten liefern. Denn daraus folgt nicht, daß nun alle Bereiche und Themen allein durch naturwissenschaftliche Methoden und Ergebnisse entscheidbar sind. Mir wird es darum gehen, Ihnen im Detail und mit guten Argumenten von alltäglichen Erfahrung und Fähigkeiten aus aufzuzeigen, daß wir als normale Alltagsmenschen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie nutzen können, um unseren eigenen Weg zum Verstehen von dem zu finden, was Erkenntnis im alltäglichen Leben, im Traum, in der Kunst und eben auch in den Naturwissenschaften für uns bedeutet. Ich werde darauf bestehen, daß das nicht anders geht als dadurch, daß wir philosophische und naturwissenschaftliche Auffassungen über Erkenntnis und Wissen für kritisch beurteilen. Nämlich indem wir sie abwägend, vergleichend, auf unsere Interessen als Menschen beziehen, die wir in modernen, postindustriellen Kulturen auf menschenwürdige Weise überleben und leben wollen. Dies ist dadurch möglich, daß wir uns einen eigenen, auf unsere heute alltäglichen Erfahrungen und Interessen bezogenen Weg des kritischen Verstehens bahnen, ja erkämpfen und erobern. Was dabei dies „Eigene“ und „Alltägliche“ für uns heutige Menschen bedeuten kann, ist eines der Themen dieser einführenden Vorlesungen. Natürlich werde ich einige der “alten Fragen” stellen, aber ihnen einen neuen Sinn zu geben versuchen. Ich werde fragen:
- Was ist Erkenntnis und was ist Wissen?
- Wie können wir begründen und einsehen, daß eine Meinung so sicher ist, dass wir ihrer gewiß sind, daß sie als ein verläßlicher Bestandteil des Wissens gilt?
- Warum gibt es „wirkliches Wissen und Erkenntnis“ nicht nur in den Wissenschaften?
- Was kann es für uns bedeuten, etwas zu verstehen oder wissenschaftlich zu erklären? Kann unser Verstehen mit dem wissenschaftlichen Erklärungen zusammenfallen?
Wie wir sehen werden, wäre eine Eingrenzung von Erkenntnis und Wissen auf die Wissenschaften nicht nur falsch, sondern irreführend. Ja, es würde sogar unser Verstehen der Bedeutung der wissenschaftlichen Erkenntnisleistung beschädigen. Denn Selbstüberschätzung, macht wie jede Form der Überheblichkeit, blind gegen das, was andere können. Daß die Wissenschaft überhaupt die einzig legitime Form des Erkennens ist, daß nur die Wissenschaften und insbesondere die Naturwissenschaften, beurteilen können, was wirklich ist und was nicht. Diese Ansicht wird nicht nur von vielen Wissenschaftlern, sondern auch in vielen Büchern über Wissenschafts- und Erkenntnistheorie vertreten. Doch in dieser Vorlesung gehört sie nicht zu den Annahmen und Urteilen über Erkenntnis und Wissenschaft, von den die ich aus gehen oder die ich für richtig und begründbar halte. Doch um auf unsere Frage nach dem Begriff des Wissens zurückzukommen: Ich möchte keine neue, strikte Definition von dem vorschlagen, was Wissen und Erkennen „wirklich ist“.
Bitte beachten Sie bitte, daß gerade dem Begriff „Erkenntnis“ eine Doppeldeutigkeit eigen ist: Wir bezeichnen sowohl den Prozeß, durch den etwas erkannt wird wie das Produkt dieses Prozesses, nämlich das Wissen, als „Erkenntnis“.
Doch welchen Anspruch können wir für die Geltung unserer Erkenntnisse erheben? Ich denke, daß wir niemals zu einer Meinung gelangen, die ein unumschränkt gültiges, objektives Wissen ist: Nämlich auf alle Zeiten hin unanfechtbar wahr und unerschütterlich begründet, so daß wir auch noch wissen, daß sie objektiv wahr ist. Denn das sind zwei Schritte, die wir auseinander halten und nicht gleichsetzen sollten: Ich kann überzeugt sein, daß Grass grün ist, ohne auch deshalb schon zu wissen oder gar begründen zu können, daß die Aussage „Grass ist grün“ objektiv und für alle Zeiten wahr ist.
Doch wie kann ich Ihnen sagen, was Erkenntnis und Wissen ist, ohne doch wieder auf eine Definition zurückzugreifen, ohne bereits eine Definition von Wahrheit und Objektivität vorauszusetzen? Es ist einfacher als Sie vielleicht denken, ohne eine solche explizite Definition auszukommen. Denn wir können unsere Überlegungen mit Fällen von Wissen beginnen, - z.B. daß Gras grün ist, die wir jetzt zweifelsfrei vor uns haben. Etwa so: Nicht nur ein wenig, sondern unabsehbar viel, haben Sie bereits erkannt und als Wissen zur Verfügung, wenn Sie den Weg in diese Vorlesung gefunden haben. Wenn Sie diese ersten Sätze verstanden haben - wenn Sie jetzt also wissen, was ich soeben gesagt habe -, so ist dies nur möglich, weil Sie vielmehr als nur die deutsche Sprache beherrschen und kennen. Sie können nämlich mit Ihren Sprachkenntnissen nur deshalb richtig - nämlich für andere Menschen verständlich sprechend - umgehen, weil sie eine große Menge an unausgesprochenen, stillen nicht-sprachlichen Wissen erworben und zu ihrer Verfügung haben. Z.B. darüber, was es heißt, in dieser Zeit als Deutscher oder Deutsche zu leben, Geld zu verdienen, Bafög zu beantragen, Sohn oder Tochter zu sein, Kenntnisse und gar Bildung zu erwerben. Erkennen, Wissen und Leben sind so eng miteinander verknüpft, daß es vielen von schwerfallen dürfte, hier ein aufklärungsbedürftiges Problem zu sehen. Für die Selbstverständlichkeit unseres Alltagswissen gilt Wittgensteins Satz „Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch ihre Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, - weil man es immer vor Augen hat.)“ (Philosophische Untersuchungen, § 129)
Doch habe ich indirekt damit bereits eine philosophische Aufgabe beschrieben: Sie besteht zu einem Teil darin, dieses Selbstverständliche und Alltägliche des Erkennens und Wissens auf die richtige Weise explizit zu machen indem wir es begrifflich fassen und uns verständlich machen. Was die traditionelle Erkenntnistheorie häufig ausschließt, ist also Ausgangspunkt. Ich bin überzeugt, daß die praktische Kompetenz des „Gewußt-wie“ der Ausgangspunkt unserer Überlegungen sein sollte, wenn wir Erkenntnistheorie betreiben. Das theoretische Wissen der Wissenschaften ist nur propositional. Es ist ein „Wissen, daß-etwas-so-und-so-ist“. Wenn es sich nicht in das „gewußt-wie“ einer Erkenntnis- und Wissenspraxis umsetzen läßt, bleibt es nicht nur unbegründet, sondern gleichsam esoterisch: Eine Wolke von Wortkunstwerken.
Soviel zu den scharfen Abgrenzungen. Natürlich liegen die Dinge - wie wir noch genauer sehen werden - weitaus komplizierter. Denn es gibt ja auch ein „gewußt-wie“ der Wissenschaft - nämlich Experiment und Technologie -, das inzwischen das Handeln des Alltags vielfach überlagert und verändert. Zwar gilt immer noch jener Satz Wittgensteins „Alle Begründungen enden irgendwo. Und dann handeln wir.“ Aber ist nicht in der Praxis des Handelns und der Prüfung der Ergebnisse, unserer Handlungserfolge, schon immer auch die Korrektur unserer praktischen Kompetenz mit angelegt? Ist das Bestehen auf dem Primat der praktischen Kompetenz tatsächlich die richtige Weise Erkenntnis und Wissen verständlich und damit rational zugänglich zu machen? Was ist es, was wir darstellen und erklären sollten, damit wir vielleicht sogar unsere Fähigkeit, Kenntnisse und Wissen zu erwerben besser einsetzen, durch Lernen weiter entwickeln und verbessern können?
Mit diesen Sätzen wollte ich zum einen auch darauf aufmerksam machen, daß die Verbesserung der Erkenntnisfähigkeit und die daraus resultierende Vermehrung des Wissens wertvoll und somit anstrebenswert ist, daß Sie aber andererseits auch bereits über einiges an Wissen praktisch verfügen und daß dieses praktische Wissen dem theoretischen Wissen voraus liegt und in diesem Sinne umfassender ist. Auch deutete ich an, daß das Interesse an der Verbesserung und Vermehrung des Wissens ebenso im alltäglichen Wissen angelegt ist. Wir stehen also vor der Aufgabe, die Regulierung, Korrektur, Verbesserung und Veränderung des praktisch ausgewiesenen Wissens selbst als ein Teil von gelingender Praxis zu erläutern. Wenn das gelingt, wird zum anderen sich daraus selbst eine Kompetenz für das Beurteilen des Bereichs und der Bedeutung wissenschaftlicher Ansprüche auf Kontrolle und Herrschaft über unser Leben sich ergeben müssen.
Lassen Sie mich diesen letzten, etwas unklaren Punkt anhand einer anderen Frage ergänzen: Ist es nicht manchmal besser, nichts oder nicht alles zu wissen? Zeigen nicht die Atombombe, die Umweltverschmutzung und die genetischen Manipulationen an Lebewesen, ja sogar Menschen, daß es Wissen und technologische Verfahren gibt, die schädlich sind? Zwar schützt in den Rechtsverhältnissen, die der Staat mit Strafe bewährt hat, Unwissenheit vor Strafe nicht. Ansonsten aber interessieren wir uns im Alltag nur für das Wissen, was uns weiterhilft, nützt oder auf irgendeine andere Weise fruchtbar mit dem verknüpft werden kann, was wir tun. Sicher, einige von uns haben sehr spezielle Interessen ausgebildet. Da gibt es diejenigen, die leidenschaftlich an der Biologie und Anatomie der Spinnen, der Kunst der Renaissance in Oberitalien gegen Ende des 15. Jahrhunderts, an den Romanen von Marcel Proust oder den christlichen Häresien und Hexen im Mittelalter interessiert sind. Und die Ergebnisse, die solche engagierten Amateure erzielen, sind häufig sogar nach wissenschaftlichen Standards bedeutungsvoll - sie wirken zurück auf die Wissenschaften. Das Phänomen der Amateure ist für unsere einleitenden Erwägungen zur Erkenntnistheorie in zweierlei Hinsicht wichtig. Was die engagierten Laien zeigen, ist zum einen, daß sie
1.) über die normale, durchschnittliche Ausprägung von Interessen bei den meisten anderen Menschen weit hinausgehen können - und trotzdem interessierte Laien bleiben. Es scheint als ob sie einen Weg gefunden haben, einen anderen, ihren eigenen Weg zur Erkenntnis zu finden.
Wichtiger aber ist noch für unsere Frage nach den Rückbezug auf die kompetente, kritische Praxis
2.) daß sie zeigen, daß es einen wirksamen Zusammenhang zwischen individueller Motivation und Erkenntnis gibt, der für alle Arten von Erkenntnis - ob alltäglich, religiöser oder wissenschaftlich - wichtig ist und der schon als Antrieb und Korrektiv von Wissenschaft im Alltag angelegt ist: Die Motivation des Einzelnen, die Stärke seines individuellen Erkenntnisinteresses.
Man kann sagen: Der Grad und die Fokussierung eines Interesses oder einer Absicht bestimmt häufig das Ausmaß der Anstrengung, das in ein Thema investiert wird. Diese Einsicht ist z.B. von Jürgen Habermas in seinem Buch „Erkenntnis und Interesse“ eher soziologisch-abstrakt an philosophische Positionen herangetragen worden. Einen noch dichteren Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem Interesse des Einzelnen am Erkenntniserwerb, nimmt der amerikanische Philosoph C.S. Peirce an. In Peirces Erkenntnistheorie - er nennt sie Logik, manchmal auch direkt „logic of science“ - geht alle Wissenschaft und Philosophie auf den Wunsch zum Lernen zurück. Er behauptete deshalb sogar, daß es in einer Hinsicht nur eine Regel der Logik gibt, „daß man, um zu lernen, den Wunsch haben muss zu lernen, und sich dabei nicht mit dem zufriedengeben darf, was man schon zu denken geneigt ist.“ (DLU, S. 241) Das Lernen sollte nach Peirce immer weiter fortschreiten dürfen: „Behindere niemals den Gang der Forschung“ ist deshalb eine von Peirces wissenschaftshteoretischen Maximen.
Wir wollen nun dem Gedanken der direkten Korrektur und Eingrenzung von Wissenschaft durch das alltägliche Urteilen und Denken nachgehen. Ein solches begrenzendes Urteil über Wissenschaft zeigt sich z.B. in der Frage, ob die Wissensvermehrung tatsächlich, wie Peirce meint, immer anstrebenswert, wertvoll und in unserem Interesse? Wir haben heute, ich erwähnte es schon, einige begründete Zweifel. Zum einen kann niemand von uns alles wissen - nicht einmal alles von dem, was heute an Wissen existiert, geschweige denn „alles“ im Sinne von „alles Wissbare“. Außerdem haben naturwissenschaftliche Ergebnisse, gerade weil sie richtig waren, die materiell-technische Grundlage für die Katastrophen der Moderene gelegt.
Drittens träumen in den heutigen komplizierten Industriegesellschaften einige von uns von einem Zustand der Unschuld ohne Erkenntnis: Wie schreibt schon die Bibel? Wenn ich nicht vom Baum der Erkenntnis esse, dann kann ich auch nicht sündigen. Adam konnte erst nachdem er den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatte zwischen Gut und Böse, zwischen Wahr und Falsch, unterscheiden. Wir können zwar wir nicht zu dem Zustand der Unschuld zurück, weil wir - diese 7 Milliarden Menschen auf dieser Erde - von unserem Wissen, nämlich den Technologien, die uns die Wissenschaften zur Verfügung stellen, leben. Im wörtlichen Sinne: Von der Nahrung über die Kleidung bis zu den Fortbewegungsmitteln, geht für 80 % der Menschen kaum mehr etwas ohne technologisch geformte Produkte. Die sogenannten unterentwickelten Länder verstehen ihren Zustand so, daß sie ihn durch den Mangel an wissenschaftlicher Technologie beschreiben.
Doch brauchen wir Wissen und Wissenschaft immer, überall und in jeder Hinsicht? Das wäre nur dann der Fall, wenn nicht nur vieles, sondern alles am menschlichen Leben von dem abhängt, was sich mit Wissen und insbesondere den Produkten der Wissenschaften erreichen läßt. Aber spricht wirklich soviel für die Annahme mancher Menschen, daß buchstäblich alles - Glück, Erfüllung, Befriedigung, Kunst, Kultur, Fantasie - von wissenschaftlichen Erkenntnissen abhängt oder positiv beeinflusst werden kann? Wenn wir so denken, ist der Sinn, den wir dann dem Wissen und seinen Anwendungen zusprechen, tatsächlich allein den Wissenschaften geschuldet? Um diese Frage nach dem Sinn des Wissens wirklich beantworten zu können, können wir vorbereitend zunächst die Frage beantworten: Was ist im Allgemeinen der Zweck des Wissens, nachdem wir streben?
Bevor wir etwas über den Zweck des Wissens sagen können, müssen wir provisorisch bestimmen, was Wissens ist. Hier sind wir in der angenehmen Lage, von einer Definition des Wissens ausgehen zu können, die bereits vor über 2000 Jahren von Plato vorgeschlagen worden ist. Gemäß der Plato-Definition weiß eine andere Person S irgendetwas, nennen wir es p - z.B. das Gras grün ist -, wenn folgendes gilt:
(1.) S glaubt, daß p
(2.) p ist wahr
(3.) S hat gute Gründe dafür, daß p.
Von einem Wissen sprechen wir also dann, wenn es sich um eine wahre und begründete Meinung handelt. Wenn eine Meinung falsch ist oder wenn eine Person ganz zufällig, ohne dies begründen zu können, eine Meinung hat die falsch ist, ist ebenfalls kein Wissen. Daß Gras grün ist, ist wahr. Meine Gründe, die dafür sprechen, daß Gras grün ist, sind einfach: In allen wichtigen Fällen, wo jemand das erblickt, was wir Gras nennen würden, so sieht er oder sie, daß es grün ist. Und sagt man nicht: Sehen heißt wissen? Eine gute und philosophisch achtbare Begründung für eine Meinung ist also eine Wahrnehmung, die viele Leute teilen.
Der platonische Wissensbegriff begünstigt die Wahrheit und die Begründung als die entscheidende Merkmale des Wissens. Nun stellt sich wieder die Frage: Warum? Was ist der Zweck, der von wahren, begründeten Meinungen erfüllt wird - jedoch nicht von falschen und unbegründeten Meinungen? Welcher Zweck ist es, der für uns den Wert des Wissens als wahrer Meinung und damit sogar der Wissenschaft begründet? Nun, ich denke ein Zusammenhang liegt auf der Hand, wenn wir von unserem alltäglichen Umgang mit den Meinungen ausgehen, die wir sicher zu wissen glauben: Wir benötigen wahre Meinungen, die wir verstanden haben und begründen können, um ihnen entsprechend handeln zu können. Lassen Sie mich an dieser Stelle den englischen Philosophen Edward Craig zitieren, der die Gabe hat, solche Dinge in wunderbarer Klarheit zu formulieren:
„Wer handelt, braucht Meinungen, an denen sich sein Handeln orientieren kann. Ich will Honig auf mein Brot streichen. Dazu brauche ich sofort wenigstens drei Meinungen: daß das da Honig ist, daß mein Messer dort liegt, und hier eine Scheibe Brot. ... irgendwelche diesbezüglichen Meinungen muß ich haben, sonst bin ich in der Lage eines Menschen, der etwas will, der aber nicht die geringste Ahnung hat, was er machen soll, damit der Erwerb des fraglichen Gegenstandes auch nur im mindesten wahrscheinlicher wird. ... Da wir zum Handeln Meinungen brauchen, haben wir ein Interesse daran, daß unsere Meinungen wahr sind. ... Wer seine Handlungen an wahren Meinungen orientiert, hat viel bessere Erfolgschancen als der, der nach falschen Meinungen handelt.“ (E. Craig, Was wir wissen können, S. 40f.)
Craig formuliert den letzten Satz sehr vorsichtig. Denn er weiß und im folgenden zeigt er dies auch, daß es sehr wohl manchmal möglich ist, daß unser Handeln auch von falschen Meinungen erfolgreich geleitet wird. Aber das sind eben nur wenige und merkwürdig konstruierte Ausnahmen - etwa wenn z.B. sich zwei falsche Meinungen und die Tatsachen so ergänzen, daß sie sich wechselseitig aufheben. Doch in den überwiegenden Zahl der Fälle sind es nur die wahren Meinungen, die einer oder mehreren Personen ermöglichen, zu handeln.
Denn dies ist ja der soziale Aspekt der Wahrheit und der soziale Charakter des Wissens: Wenn mein Handeln von wahren Überzeugungen ausgeht, so werde ich meistens finden, daß auch andere Menschen diese Überzeugungen teilen können. Ich weiß dann auch, wenn ich ihre Interessen und Zwecke kenne, wie meine Mitmenschen handeln werden. Dies ist insbesondere dann wichtig ist, wenn wir nur koordiniert und gemeinsam erfolgreich handeln können. David Humes Beispiel für eine solche Handlung sind zwei Leute in einem Ruderboot. Wenn beide sich einig sind, so daß sie in dieselbe Richtung rudern, kommen sie zum Ziel. Rudert jedoch der eine in die eine und der andere in die entgegensetzte Richtung, so kommen sie nicht von der Stelle: Das Boot dreht sich im Kreis. In diesem Beispiel geht es um die Koordination des Handelns und um die Wahrheit des Wissens über die Welt nur in zweiter Linie. Aber damit ich mich auf das Handeln von anderen Menschen einstellen kann, muß ich auch wissen, was mein Gegenüber zu tun beabsichtigt. Ich werde auf die erkenntnistheoretische wie lebenspraktische Bedeutung des Wissens darüber, was andere Menschen sagen und was ich meine, daß sie meinen, in der nächsten Vorlesung eingehen.
Wir haben nun die gewünschte Auskunft über den allgemeinen Zweck des Wissens gefunden. Wir können sehen, warum Wissen und Wissenschaft zu allen oder jedenfalls den meisten Aspekten unseres Lebens und der sozialen und materiellen Umgebung einen handlungsbezogenen Zugang eröffnet. Was wir wissen, können wir uns und anderen verständlich machen, in dem wir es beschreiben. Doch ist keineswegs in jedem Fall dieser Wissenszugang wichtig oder gar entscheidend für den Umgang mit dem Inhalt des Erkannten. Zwar gibt es fast immer etwas, das wir wissen und somit mitteilen können. Aber nicht immer wollen wir handeln oder ist das durch Wissen ermöglichte Handeln, auch wenn es erfolgt, dasjenige, was für uns wichtig ist. In allen Fällen, wo wir nur genießen, träumen, ahnen, spüren, wo wir z.B. etwas oder jemanden bewundern, verehren, anbeten, träumerisch vorstellen oder wo wir einem anderen Menschen gegenüber Anerkennung, Hass, Liebe usw. äußern, ist nicht entscheidend, ob das, was wir wissen, auch wahr ist. Ja, es kann sein, daß wir ganz bewusst die Unwahrheit sagen oder uns von dem lösen, was wir als wahr herausgefunden haben. In Bezug auf die Verhältnisse während der Nazizeit hat der Philosoph Ludwig Marcuse einmal gesagt: „Ist es nicht besser, wenigstens im Denken die Wahrheit furchtbarer Verhältnisse mißachten zu können?“
In anderen Fällen werden wir z.B. durch eine emotionale Äußerung, das erst erzeugen, was wir als Beziehung zu einem anderen Menschen anstreben. Auch ist z.B. ein Bild malen etwas anderes als aufgrund eines Wissens, daß etwas wahr ist, auf bestimmte Weise zu handeln. Wie immer ein Maler zu dem gelangt, was später das fertige Bild sein wird: Es gibt keine wissbare Wahrheit, die er kennen könnte, um sie dann durch Malen einfach in ein Gemälde umzusetzen. Dies letzte Beispiel zeigt aber auch sehr schön die Allgegenwart des Wissens: Natürlich muß auch der Maler, bevor an seiner Leinwand arbeitet eine Menge über Farben, Pinsel, Leinwände, die Geschichte der Malerei wissen. Aber ich kann all das wissen, was der Maler auch weiß, ohne in der Lage zu sein, durch das Umgehen mit Farben, Pinseln, Leinwänden und Ideen aus der Geschichte der Malerei zu einem Bild - schon gar nicht zu demselben Bild - zu gelangen.
Traditionelle und pragmatische Erkenntnistheorie
Das Wissen, das wir zum Handeln benötigen, wird häufig etwas verächtlich instrumentelles Wissen genannt. Der Zusammenhang, den ich zwischen einem Zweck des Handelns und dem Wissen hergestellt habe, kennzeichnet den darauf basierenden Wissensbegriff als pragmatischen. Wir sahen soeben am Falle der Erfahrung des Malers, wie schwer es ist, selbst seine Art von Kenntnis ganz vom pragmatischen Aspekt zu trennen. Das ist aber in der traditionellen Erkenntnistheorie immer wieder versucht worden. Dieser traditionellen Konzeption wollen wir uns kurz zuwenden: Als Wissen galt eben z.B. für Plato, aber auch noch für Kant vor allem das, was notwendig einsehbar war und was gerade in Absehung von den individuellen, empirischen Verhältnissen und Bedingungen theoretisch erfaßt werden konnte. Das Fragen nach dem, was Wissen ist, hat sich erheblich verändert - und ist dabei sich weiter zu verändern. Schon ein ungenauer Blick in die Geschichte der Philosophie zeigt uns, daß dabei der Zweck des Wissens meistens nicht berücksichtigt wurde. Das Modell des Wissens war eher dem göttlichen Wissen analog: Ewig, unwandelbar und in sich bestimmt, ohne die Beziehung auf Zwecke zu erfordern.
Was wir wissen und erkennen können und wie sicher unser Wissen ist, sind Fragen, die sich Menschen im allgemeinen und Philosophen im besonderen zu allen Zeiten gestellt haben. Manche - z.B. Blumenberg in „Die Lesbarkeit der Welt“ - fragen auch, was es überhaupt war, was wir haben wissen wollen. Oder was es ist, daß Wissen und Erkennen möglich macht. Oder ob wir sicher sein und überzeugend begründen können, daß etwas, was wir wahrnehmen, meinen, glauben oder auch nur ahnen tatsächlich ein für alle Menschen verbindliches Wissen ist.
Die Erkenntnistheorie bildet den Kern der theoretischen Philosophie, ebenso wie die Ethik zum Kern der praktischen Philosophie gehört. Wenn Sie einen Blick in eines der gängigen Lexika werfen, um zu erfahren, was Erkenntnistheorie ist, so finden Sie z. B. im Brockhaus die folgende Bestimmung:
„Erkenntnistheorie (Gnoseologie), philosophische Disziplin, die sich mit Voraussetzungen, Prinzipien und Grenzen des Erkennens beschäftigt. Entscheidende Beiträge zur Entwicklung der Erkenntnistheorie zu einer eigenständigen Disziplin lieferten R. Descartes und J. Locke. Zur Grundlage philosophischen Nachdenkens wurde die Erkenntnistheorie durch I. Kants Erkenntniskritik, für die auf »Bedingungen der Möglichkeit« (natur) wissenschaftlichen Erkennens zielende Fragen und erkenntnisbegrenzende Fragestellungen charakteristisch sind.“
(c) Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, 2001
Wie wir in dieser Vorlesung sehen werden, ist die Erkenntnistheorie seit Ausgang des Mittelalters - nicht erst seit Kant wie der Brockhaus-Artikelschreiber meint -, auch die Theorie der wissenschaftlichen Wissensgewinnung gewesen. Andererseits fehlt heute in den Einträgen zur Wissenschaftstheorie der Hinweis darauf, daß die philosophische Theorie der Methoden und Logik der Wissensgewinnung in den Wissenschaften - der englische Terminus hierfür ist viel besser, er lautet „philosophy of science“ - vor allem eine spezielle Art von Erkenntnistheorie ist, die so alt ist wie die Philosophie selbst.
Die sogenannte analytische Philosophie, die heute in der Wissenschaftstheorie dominierend ist, ist besonders Stolz darauf, daß sie ihre Konzeption der Erkenntnis weder durch die subjektive oder vorbegriffliche Formen des Erkennens, noch durch die Spielarten des praktischen Wissens, das uns zum Handeln befähigt, belasten will. So engt z.B. Franz von Kutschera in dem Vorwort zu seinem Buch „Grundfragen der Erkenntnistheorie“ das Themenfeld der Erkenntnstheorie auf logisch-begriffliche Beziehungen ein:
„Erkenntnistheorie befaßt sich nicht mit allen Formen des Erkennens, sondern nur mit Erkenntnissen, deren Inhalt sich begrifflich hinreichend präzise bestimmen läßt. Begriffliche Erkenntnis spielt eine besondere Rolle, da dazu insbesondere auch wissenschaftliche Erkenntnis gehört. Daneben gibt es aber auch andere kognitive Leistungen, die nicht an begriffliche Bestimmung oder sprachlichen Ausdruck gebunden sind. Sie bleiben üblicherweise außerhalb des Horizonts der Erkenntnistheorie, und damit auch die wichtige Frage nach Eigenart und Grenzen begrifflicher Erkenntnis. Das liegt daran, daß wir begriffliche, insbesondere wissenschaftliche Erkenntnis als höchste Form der Erkenntnis ansehen, und z.B. anschauliches, intuitives oder gefühlsmäßiges Erkennen als primitive Vorformen davon betrachten.“ (Ebenda, S. XIII)
Doch auch Kutschera kann nicht wirklich bestreiten, daß Erkennen empirisch-wissenschaftlichen Wissens und Theorie stets so stark eingebettet und umgeben von jenen geistigen, sozialen und biologischen Prozessen ist, durch die sich Menschen miteinander und mit ihrer Umgebung austauschen, daß es angemessen zu sagen, daß keine Erkenntnis ohne diese kontextuellen Einbettungen möglich ist. Er erklärt nur die Berücksichtigung dieser Einflußgrößen für philosophische Fragen als irrelevant: Seiner Meinung nach gehören sie in die Psychologie, Soziologie und Neurophysiologie der Erkenntnis.
Die Möglichkeit, daß eine pragmatische Erkenntnistheorie durch das Primat der zweckvollen Praxis einen Weg findet, um all diese Bedingungen über das alltägliche Gelingen von Erkenntnis einzufangen, hat er nicht gesehen. Aber vollzieht die pragmatische Erkenntnistheorie nicht eine Trivialisierung? Läuft ihr Ansatz nicht auf die simple These hinaus, das, um Wissenschaftler zu sein, wir zunächst einmal Menschen sein müssen? Müssen wir nicht, wenn wir Wissenschaft und Philosophie betreiben, in vielen Punkten von diesen allgemein-menschlichen, vorrationalen und vorwissenschaftlichen Einbettungen absehen? Ja, besteht die wichtigste Errungenschaft von Wissenschaft und Philosophie, ihre Objektivität, nicht darin, daß ihre Einsichten es uns ermöglichen, von den zufälligen Bedingungen abzusehen unter denen unsere individuellen, alltäglichen Bemühungen, unsere Umwelt zu verstehen und angemessen mit ihr umzugehen unvermeidlich stehen?
Zunächst einmal: Was trivialerweise richtig und gültig ist, ist eben gerade nicht falsch, sondern für manche von uns ein überflüssiger, redundanter Inhalt einer Mitteilung. Die These, daß wir Menschen sein müssen, um Wissenschaftler sein zu können, ist dann eine Einsicht in einen relevanten Zusammenhang, wenn sich zeigt, daß es tatsächlich Erkenntnistheorien gibt, die diesem trivialen Zusammenhang - vielleicht stillschweigend - widersprechen oder übersehen. Gleichzeitig unterstellt die obige Frage, daß es möglich ist, eine völlig vom Menschen unabhängige Objektivität in der Erfahrung erreichen zu können und dabei soll diese sich noch als das einzig entscheidende Merkmal des einzig wahren Wissens erweisen! Dies sind Voraussetzungen, die den Wissenschaften und der menschlichen Erfahrung nicht nur viel, sondern zuviel abverlangen. Im selben Maße unterschätzt diese Fragestellung dramatisch den Beitrag, den die individuelle Erfahrung zur Erkenntnisleistung macht und sogar machen muß - damit eine empirisch vorgehende Wissenschaft überhaupt für unser Leben relevant sein kann.
Die Überschätzung der objektiver, allgemeingültiger Zusammenhänge und Unterschätzung der individuellen Erfahrungszugänge ebenso wie und des Beitrags nicht-begrifflicher Funktionen zur Erkenntnisleistung ist Ausdruck eines Glaubens an die Wissenschaft als rationale, theoretische Konstruktion. Dabei wird übersehen, das auch Wissenschaft nur von einzelnen Menschen gemacht wird, der individuellen Prägungen und Erfahrungen erst den Zugang selbst zu den allgemeinen und objektiven Zusammenhängen erschließen. Die Ergebnisse müssen nicht nur von individuellen Erfahrungsmöglichkeiten ihren Ausgang nehmen, sondern sie müssen in jedem Schritt und in ihrem Ergebnis von anderen kognitiven Fähigkeiten gestützt und an diese zurückgebunden werden können.
Wenn ich im Titel dieses Teils der Vorlesung vom Spüren, Ahnen und Wahrnehmen sprach, so wollte ging es darum diese - erkenntnisnahen geistigen Leistungen mit in den Bereich des erkenntnistheoretischen Fragens einzubeziehen. Eine Aufgabe dieser Vorlesungen soll es sein, dieses einseitig rationale Bild zu korrigieren und den Zusammenhang zwischen Erkennen und den Beitrag der vorbewußten geistigen Fähigkeiten genauer zu bestimmen. Sie sind es nämlich, die es uns erst ermöglichen, die Welt als Umwelt für unser weiteres Erkennen im „Gewußt-wie“ unseres Handelns auch ohne die Vermittlung theoretisch-begrifflichen Wissens zugänglich zu machen. Die These einer pragmatischen Erkenntnistheorie lautet nun, daß es ein Primat der Praxis des Wissens, des „gewußt-wie“ gibt, die zwar durch Theorie ergänzt und verbessert werden kann, aber die von allen Wissenschaften vorausgesetzt werden muß.
Doch selbst dann, wenn das Ideal einer subjektlosen, vollständig rational konstruierten wissenschaftlichen Objektivität jemals erreicht werden sollte, bedarf es immer noch der ausdrücklichen und nicht mehr nur stillschweigend vollzogenen Ausformulierung dessen, was es eigentlich ist, was wir da erkennen, wissen und erfahren haben, wenn wir Wissenschaft treiben. Denn dies ist die Aufgabe von Philosophie, zu beschreiben und explizit verständlich zu machen, was praktisch einfach und selbstverständlich schien. Können wir nicht auch in diesem Punkt unserer alltäglichen Einsichten vertrauen? Es ist es die These des von mir in diesen Vorlesungen, daß wir dies letztlich tun müssen. Aber es gibt einen Punkt, wo wir den Alltagsmeinungen sehr vorsichtig, wenn nicht skeptisch begegnen sollten. Eben in diesem Punkt des Interpretierens dessen, was wir tun, wenn wir alltäglich Wissen und Erfahrung gewinnen, sollten wir unseren alltäglichen Meinungen nicht unbedingt folgen. Wenn wir im Alltag allgemein zu beschreiben versuchen, was Erkenntnis ist, so neigen die meisten von uns häufig zu einem falschen Urteil über den Verlauf von Erkenntnisprozessen. Also: nicht die alltägliche Praxis selbst, sondern ihr Selbstverständnis geht häufig in die Irre.
Eine dieser irreführenden Theorien über die Struktur von Erkenntnisprozessen besagt z.B., daß jede gelungene Erkenntnis ihren Gegenstand schlicht widerspiegelt. E. Cassirer hat dieses naive Modell Widerspiegelungs-modell einmal folgendermaßen beschrieben:
„Der naiven Auffassung stellt sich das Erkennen als ein Prozeß dar, in dem wir uns eine an sich vorhandene, geordnete und gegliederte Wirklichkeit nachbildend zum Bewußtsein bringen. Die Tätigkeit, die der Geist hierin entfaltet, bleibt auf einen Akt der Wiederholung beschränkt: nur darum handelt es sich, einen Inhalt, der uns in fertiger Fügung gegenübersteht, in seinen einzelnen Zügen nachzuzeichnen und uns zu Eigen zu machen. Zwischen dem „Sein“ des Gegenstandes und der Art, in der er sich in der Erkenntnis widerspiegelt, besteht auf dieser Stufe der Betrachtung keine Spannung und kein Gegensatz: nicht der Beschaffenheit sondern lediglich dem Grade nach lassen sich beide Momente auseinanderhalten.“ (Ernst Cassirer, Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit, Band I, S. 1)
Die von Cassirer beschriebene naive Einstellung zur Erkenntnis sieht nur die Widerspiegelung des Gegenstands im Wissen und ist typisch für viele alltägliche Einstellungen zum Erkenntnisprozeß. Doch ist diese Sichtweise keineswegs nur ein naives Vorurteil. Sie wirkt bis tief in die Kultur, Politik und Kunst hinein und hat in der marxistisch-materialistischen Widerspiegelungstheorie der Erkenntnis seinen philosophischen Ausdruck gefunden.
Es ist ja auch nicht alles nur falsch an der Widerspiegelungsmetapher. Die Aufgabe und das Ziel unseres Wissens ist es, die Dinge „so wie sie wirklich sind“ und vor allem insofern sie für unsere Zwecke und Interessen wichtig sind, direkt zu erfassen. Das ist sozusagen die Erfolgssichtweise des Wissens: Wenn ich etwas über einen Gegenstand weiß, dann verhält sich dieser Gegenstand auch genauso wie ich meine, daß er beschaffen ist. Wir vertreten im Verständnis von dem, was Wissen für uns ist, aber auch die entgegengesetzte These, nämlich die Überzeugung, daß doch „alles nur subjektiv“ ist.
Wir sehen: Die Gleichsetzung des Wissens mit der Widerspiegelung des Gegenstands des Erkennens gibt zum einen dem Zweck des Wissens, nämlich wahrheitsgemäße und damit verläßliche Informationen zu liefern, die unser Handeln orientieren, als eine Beschreibung des Erkenntnisvorgangs selbst aus. Wir tun so als wenn die Gegenstände genau so sind, daß sie unseren Erkenntniszweck bereits vorwegnehmen und dem immer schon entsprochen haben. Die genau entgegengesetzte Position zur Widerspiegelungstheorie vertritt Immanuel Kant. In der Vorrede zur 2.Auflage der Kritik der reinen Vernunft schreibt er:
„Bisher nahm man an, alle unsere Erkenntnis müsse sich nach den Gegenständen richten; aber alle Versuche über sie a priori etwas durch Begriffe auszumachen, wodurch unsere Erkenntnis erweitert würde, gingen unter dieser Voraussetzung zunichte. Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten, welches so schon besser mit der verlangten Möglichkeit einer Erkenntnis derselben apriori zusammenstimmt, die über Gegenstände, ehe sie uns gegeben werden, etwas festsetzen soll. Es ist hiermit ebenso, als mit dem Gedanken des Kopernikus bewandt, der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den Zuschauer sich drehen, und dagegen die Sterne in Ruhe ließ. In der Metaphysik kann man nun, was die Anschauung der Gegenstände betrifft, es auf ähnliche Weise versuchen. Wenn die Anschauung sich nach der Beschaffenheit der Gegenstände richten müßte, so sehe ich nicht ein, wie man a priori von ihr etwas wissen könne; richtet sich aber der Gegenstand (als Objekt der Sinne) nach der Beschaffenheit unseres Anschauungsvermögens, so kann ich mir diese Möglichkeit ganz wohl vorstellen.“ (KdrV, B XVI/XVII)
Ziel der Kantischen Erkenntnistheorie ist es, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Erkenntnis apriori möglich ist. „ Apriori“ heißt: Ein Wissen und Erkennen, das unabhängig von der sinnlichen Erfahrung ist. Frage nach den Bedingungen, unter den für sinnengestützte Wesen wie wir Menschen eine Beschreibung der Bedingungen von Erkenntnis möglich ist, beschreibt den Wahrnehmungsapparat als „apriorische“ Voraussetzung von Erkenntnis.
Was heißt es, daß sich die Gegenstände - als Objekte der Sinne - nach unseren Wahrnehmungsvermögen richten? Um einige naheliegende Mißverständnisse gleich auszuschließen: Kant will nicht etwa sagen, daß wir die Gegenstände durch unsere Wahrnehmung erschaffen. Es geht ihm nicht um die These, daß der Gegenstand oder gar der Zusammenhang des Wirklichen erst dadurch entsteht, daß wir ihn wahrnehmen. Wenn z.B. eine ferne Sonne von der Erde aus nur deshalb erfaßt werden kann, daß man ein Radioteleskop auf sie richtet, so bedeutet das nicht, das sie dadurch zu existieren beginnt, daß ein Radioteleskop auf sie gerichtet wird. Sie beginnt dann vielmehr für uns zu existieren.
Auch wäre es irreführend, wenn man sich die erkenntnistheoretische Rolle der Sinne nach dem Modell einer Brille mit gefärbten Gläsern denken würde wie dies z.B. der Zeitgenosse Kants Kleist getan hat. Kleist meinte, daß die Verfassung unserer Sinne eine besondere Art von Eigenschaft über alle Dinge legt. Ebenso würden alle Dinge rosa aussehen, wenn z.B. Rosa die Farbe der Gläser der Brille ist, die ich trage.
Doch wenn auch das Format unserer Sinne die Wahrnehmung strukturiert, so können sie doch nicht bestimmte Eigenschaften der Dinge vorschreiben: Sonst wären unsere Sinne kein Zugang, sondern ein Hindernis für das Erkennen. Was Kants Ansatz vielmehr zeigt, ist, daß die Sinne formale Bedingungen und Filter für das Erkennen der Welt sind: Sie geben den Objekten eine Form, Ordnung und Struktur in ihren Beziehungen zu uns und zueinander vor. Dafür aber ist es gleichgültig, ob wir statt mit Augen, die auf Sonnenlicht reagieren, z.B. auf irgendeine andere Frequenz ständig abgestrahlter Schwingungen der Gegenstände reagieren würden. Wenn wir jedoch z.B. mittels Radar oder Sonarstrahlen etwas „erkennen“ könnten, so müßten wir diese Strahlen ständig selbst aussenden, um die Dinge unser Umgebung zu erfassen. Es mag sein, daß im Laufe der Evolution sich die Sinne als Filter, Ordnungsschemata und Bedingungen des Erfassens aufgrund des Einflusses der Gegenstände entwickelt haben, die wir jetzt vorfinden. Doch das können wir nicht wissen. Wenn wir jetzt allgemein (apriori) etwas über das Erkenntnisvermögen sagen wollen, so verstehen wir sie als filterndende und ordnende Weisen, wie wir zu „Anschauungen“ von Gegenständen gelangen können, die für uns Menschen wichtig sind, weil sie unsere Umgebung ausmachen. Dies eben heißt Wahrnehmungen machen und verstehen. D.h. sie sind formende, strukturelle Bedingungen dafür, was für uns zum Gegenstand werden kann. Kant beginnt in der KdrV deshalb auch mit einer Untersuchung der „Formen der Anschauung“: Diese sind für ihn Raum und Zeit, die eine allgemeine Ordnung aller Objekte der Sinne bereitstellen.
Ich will in dieser Vorlesung nicht näher auf Kants transzendental-philosophische Erkenntniskritik eingehen. Doch steht das Thema der nächsten Vorlesung, nämlich die Indexikalität des Wissens, dem Kantischen Denken nahe: Denn in gewißer Weise tritt in der pragmatischen Erkenntnistheorie an die Stelle der Ordnung der Dinge in Raum und Zeit ihre indexikalische Darstellung und deren Vermittlung. Die indexikalische Sprache ist die Sprache des menschlichen Wissens, das von Personen ausgeht und auf das Bezug nimmt, was Personen voneinander erfahren, wahrnehmen und wissen. Indexikalisch formuliertes Wissen bezieht das „ich, er, sie, du, wir, ihr“ auf das „hier, dort, woanders als“ und auf das „jetzt, damals, später, früher als“. So werden die Formen der Anschauung mit denen ein einsames Erkenntnissubjekt sich selbst Wahrnehmungsgehalte klar macht, ersetzt durch eine Sprache, die Wahrnehmungswissen vermittelt, und auch Personen zuschreibt.
Abschließend will ich zur Ihrer Orientierung über den weiteren Verlauf dieser Vorlesungsreihe kurz in den Grundzügen beschreiben. Die ersten vier Vorlesungen stehen unter dem Thema „Spüren, Wahrnehmen und Wissen: Der erkenntnistheoretische Alltag” und werden einen pragmatischen Wissensbegriff einführen, für den der gute Informant und das kommunikative Gegenüber zentrale Kategorien sind. Dabei wird sich zeigen, daß die erkenntnistheoretische Leistung der zuschreibenden, indexikalischen Sprache, die dazu dient, anderen Menschen Meinungen zuzuschreiben, eine erkenntnistragende und manchmal auch -entscheidende Rolle in Alltag und Wissenschaft spielt. Für den II. Teil habe ich mir eine Themenstellung vorgenommen, die zunächst als rein geschichtlich erscheinen mag, die aber den im I. Teil entwickelten pragmatischen Wissensbegriff anknüpft. Der II. Teil wird vier Vorlesungen umfassen und steht unter dem Titel „Wie die Entstehung der Naturwissenschaften die Beziehung zwischen Erkennen und Erfahrung verändert“. Sie wird sich unter anderem mit Gallileis, Keplers und Descartes Verständnis der Aufgabe von Wissenschaft beschäftigen und wie diese Auffassung einen neuen Umgang mit alltäglicher und experimenteller Erfahrung begründete. Das Ziel ist es, den Bogen zwischen diesen ersten Konzeptionen der modernen Naturwissenschaft zu heutigen nach-newtonischen Physik aufzuzeigen.
Der dritte Teil bildet den wissenchaftstheoretischen Schwerpunkt dieser Vorlesungsreihe. Unter dem Thema „Wissenschaft und Verstehen: Was zeichnet eine wissenschaftliche Erklärung aus?“ werden wir in fünf Vorlesungen den Erklärungsbegriff des wissenschaftlichen Verstehens als Mittelpunkt der modernen Wissenschaftstheorie beschreiben und seine Beziehung zu alltäglicher Erfahrung und alltäglichen Verstehensbegriffen herausarbeiten. Dieses Thema wird es erlauben, daß wir wichtige Positionen der modernen Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts - mit Peirce und Carnap angefangen, über Hempel, Nagel, Salmon bis Gordon-Brittan, Bas van Fraassen - anhand des von ihnen vertretenen Erklärungsbegriffs kennenlernen.
Im IV. Teil “Alltägliche Fähigkeiten und die Spur des Menschen in den Wissenschaften” werden wir unsere Reise durch die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie damit beenden, daß wir auf anfängliche Fragen, Einsichten und Thesen anhand des Begriffs der Spur und des Index zurückkommen. Wir werden uns mit den Grenzen der Wissenschaft und den Grenzen des Verstehens beschäftigen und die Konflikte und komplimentären Beziehungen zwischen Alltag und Wissenschaft betrachten. Die abschließend vorgeschlagene situative Semantik der Indices und Spuren erweist sich als das Bindeglied, das die alltäglichen Erkenntnisformen sowohl mit den exakten Naturwissenschaften wie mit den Geisteswissenschaften verbindet.
Dies ist der Weg, den ich Sie führen möchte. Auch ich weiß noch nicht so genau, wie uns die Reise über die geplanten Stationen zu dem beschriebenen Ziel führen wird. Denn ich muß gestehen: Diese Vorlesungen sind immer noch im Werden, auch wenn schon etliches geschrieben ist. Es kann durchaus sein, daß die Mühsal des Wegs an einigen Stellen weitaus mehr Zeit erfordert als ich eingeplant habe. Und ich bin gern bereit, mich durch Ihre Nachfragen zu näherer Untersuchung einiger Details anregen zu lassen. Ja, es kann auch sein, daß die Reize und Schönheiten der philosophischen Landschaften, durch die wir ziehen werden, uns vom geplanten Weg unserer Route auf Seitenpfade ablenken und gelegentlich fortführen werden. Lassen Sie sich überraschen.